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Dezember 15th, 2016

BRÜLLWÜRFEL

Allgemein Brüllwürfel

Als kleiner Händler gibt es nichts Schöneres als einmal zu verkaufen wie ein Großer. Den Blick für Kundenbedürfnisse hat man ja. Glaubte ich zumindest, als ich vor zwei Jahren für die Computerzeit fünf Bluetooth-Lautsprecher einkaufte und stolz im Regal platzierte. Super Ware, praktisch und modern – aber es lag wie Blei, sieben Wochen lang wollte es niemand kaufen. „Das Ding braucht einen Namen“, sagte mir ein Mitarbeiter, „pass auf, wir nennen den Brüllwürfel!“ Wir lachten, ich machte ein Foto von dem Teil, stellte es auf Facebook unter dem Namen ‚Bickendorfer Brüllwürfel‘ ein und ging zum Kundentermin. Zwei Stunden später bekam ich einen Anruf: „Wir müssen nachbestellen!“ – „Wie?“, war meine fassungslose Antwort, „weil einer einen gekauft hat?“ – „Nein, alle fünf sind weg und hier liegen noch vier Bestellungen.“ Ich dachte, das sei ein Witz. Ich wurde eines Besseren belehrt.

Wir bestellten immer schneller immer mehr: 20, 50, 100, 300 Stück alle paar Tage. Es gab auf Facebook eine kleine Nonsens-Serie mit Brüllwürfel-Urlaubsfotos aus Florida oder Dubai, wo Kunden ihre Lautsprecher aus der Strandhängematte oder am Hotelpool knipsten. Schließlich richteten wir einen Mini-Shop auf der Website ein – nur für drei Produkte: ein und derselbe Lautsprecher in drei Farben. Seitdem lief auch unser restlicher Shop, der jahrelang vor sich hingedümpelt war. Egal, was wir anstellten: man riss sich die Dinger förmlich aus den Händen. Irgendwann kauften wir alles. Die gesamte Produktion, die noch zu haben war. Aufgeregt rief uns der Vertreter des Herstellers aus Asien an und fragte, was wir da machten. Wir beruhigten ihn, dass wir keine Kopien bauen wollten, sondern dass wir einfach auf große Nachfrage träfen.

Gut sind sie ja, die Brüllwürfel. Sie gehen nie kaputt, schaffen beachtliche Lautstärke und recht guten Klang. Jedes Kind kann sie bedienen. Das wollte eines Tages auch das Android Magazine testen. Die Mitarbeiter tranken nett Kaffee mit uns und machten sich dann mit ein paar Exemplaren ans Testen. Allein der Bericht mit Link zum Shop brachte uns weitere 300 Verkäufe. Zwischenzeitlich war eine Vollzeitkraft nur mit dem einen Produkt beschäftigt – wir scherzten schon, der Trend gehe zum Zweit- und Drittbrüllwürfel. Als wir Lieferengpässe hatten, besorgten wir Ersatz, den wir Kreischkreisel nannten. Von dem gingen aber „nur“ insgesamt 500 Stück weg – das wäre Wochen zuvor eine Sensation für sich gewesen.

Der Hype ging über ein Jahr lang. Es war vielleicht nur Zufall, aber heute wissen wir eins: Als lokaler Händler hat man eine Chance, wenn man mit einer pfiffigen Idee und lustiger Inszenierung punkten kann. Wir haben mit den Bickendorfer Brüllwürfeln einem Allerweltsprodukt Lokalität und Coolness zugleich verschafft und eine kleine Story drumherum gebaut, an der man teilhaben und bei der man mitmachen konnte. So haben wir zumindest eine Zeitlang durchaus einmal gegen die Großen angestunken und richtig viel Umsatz gemacht. Wir machen neben Handel noch einiges mehr, etwa Reparatur, Netzwerke, Software, IT-Sicherheit. Aber wir haben die Computerzeit nicht als Marketing-Schmiede oder Lifestyle-Adresse konzipiert. Gerade deswegen haben wir aus dem Fall viel gelernt: Jeder kann dabei sein, solange er den Mut hat, einer Idee Raum zu geben, einen Rahmen zu schaffen und eine Story zu erzählen.

– Michael Pferrer von Computerzeit